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Vermehrung von Alpinpflanzen durch Stecklinge
 
Von Eugen Schleipfer

Was bedeutet ‚Alpin’?
Mit dem Wort ‚Alpin’ ist keine Pflanzenart oder -sorte gemeint. Der Begriff ‚Alpin’ charakterisiert die Gebirgsregion oberhalb der Waldgrenze. Es ist die höchstgelegene, von Pflanzen besiedelte Gegend vor dem nackten Fels oder Gletscher.
Diese auch als Alpine Zone bezeichnete Region liegt in unseren Alpen zwischen 2000 bis 3000 m über dem Meeresspiegel. Die Luft ist ‚dünner’. Der Sauerstoffgehalt der Luft ist niedriger, der Kohlendyoxidgehalt über dem Boden fast Null. Der steinige Boden ist humusarm oder von rein mineralischer Zusammensetzung.

Hauswurz (Sempervivum arachnoideum)
Foto © 2010 Dr. Hugo Herkner
 
  
Warum sind Alpine anders?
Analog zu Wüstenpflanzen sind viele alpine Gewächse in der Lage, Wasser einzulagern und gegebenenfalls bei chemischen Prozessen zu recyceln. Als sogenannte C4-Pflanzen können sie außerdem das bei ihrem Atmungsprozess selbst erzeugte Kohlendioxid über Apfelsäure bzw. deren Salze für die nächste Fotosynthese speichern. Paradebeispiel sind hierfür die Dickblattgewächse (Crassulaceen), nach denen auch diese Art der Kohlenhydratgewinnung (C4–Stoffwechsel) in der Botanik unter der Bezeichnung CAM bekannt ist (CAM = Crassulacean Acid Metabolism). Zu ihnen zählen zum Beispiel alle Hauswurz- und Fetthennenarten und natürlich noch viele andere Familienangehörige. C4- Vertreter finden wir auch in allen großen Pflanzengruppen des Flachlandes, so z.B. bei Gräsern, echten Stauden, die im Winter einziehen (perennieren), Zwiebeln, Sträuchern, vielen Halbsträuchern, Bäumen sowie bei sehr vielen immergrünen Pflanzen. Immergrün sind manche Alpinpflanzen, weil ihnen in den lediglich drei schneefreien Monaten schlicht die Zeit fehlt, vor der Blüte erst noch neue Blätter zu bilden.

Kreuzblütler (Schleifenblume, Iberis sempervirens)
Foto © 2010 Dr. Hugo Herkner
 
  
Zum besseren Verständnis für C4 -Pflanzen ist zu sagen, dass alle Gewächse mit natürlichem Atmungszyklus und Fotosynthese als C3-Pflanzen bezeichnet werden. Sie erzeugen ihre Kohlenhydratprodukte mit der Calvinmethode (C3-Stoffwechsel).
Weiterhin gibt es eine große Gruppe von Alpinpflanzen mit eingebauter Bremse. Kreuzblütler (Cruciferen) wie Iberis, Aubrieta, Erysimum, Aethionema, Petrocallis, Cardamine, Arabis, Morisia u. v. a. zählen dazu. Diese Arten wurzeln nur während der Frostperiode. Sie bilden zum Winter hin einen anderen Gewebesaft, eine Art Frostschutzmittel auf Zuckerbasis. Nur wenn dieser Gefrierschutz vorhanden ist, machen sie Wurzeln.
Der Ablauf eines Sommers bei einer Alpinpflanze lässt sich andeutungsweise mit einer Gebirgstour vergleichen. Den Rucksack packen kann man schon am Abend vorher, denn bei Sonnenaufgang müssen wir losmarschieren, sonst kommen wir nicht bis zum Gipfel. Auf die Alpinpflanze übertragen heißt das: Wer trödelt, schafft es nicht bis zur Blüte und Samenreife.

Blaukissen (Aubrieta)
Foto © 2010 Dr. Hugo Herkner
 
  
Was ist bei Alpinstecklingen besonders zu beachten?
Für diese Art Stecklinge ergeben sich folgende Grundregeln:
* Nicht in der Wachstum- oder in der Blütezeit probieren; das funktioniert gegebenenfalls bei Tiefland- oder Tropenpflanzen.
* Nie mit hoher Bodentemperatur (Bodenheizung) arbeiten.
* Wegen Fäulnisgefahr nur in mineralisches, humusfreies Substrat stecken.
* Lüften, Schattieren und Gießen nicht vergessen.
Es macht also wenig Sinn, in der schönsten Blüte- und Fotografierzeit im Botanischen Garten oder im Gebirge Stecklinge von Alpinpflanzen zu sammeln; sie bilden zu dieser Zeit keine Wurzeln und sterben ab.

Gewinnung und Kultur von Stecklingen
Das Schneiden eines Stecklings ist keine Hexerei. Neben Stecklingsmaterial benötigt man lediglich ein scharfes Messer oder eine Rasierklinge. Eine Schere quetscht zu sehr die Schnittstelle und erhöht damit die Fäulnisgefahr. Ein damit verbundenes Absterben der Stecklinge ist vorprogrammiert.

Winterstecklinge
Diese Art von Stecklingen schneiden wir nicht bereits im November, sondern erst zu Frostbeginn und überwintern sie auch nicht im warmen Milieu. Mit einem Steckholz versenken wir den kurzstieligen Steckling bis zur Blattrosette in einem Frühbeet oder Blumentopf und gießen ihn an.
Er wird gegen Austrocknung mit lichtdurchlässigem Folienmaterial (Plastikbeutel) umhüllt. Im Freiland ist in einigem Abstand zur Folie noch eine Glasscheibe gegen Platzregen und Schnee zu empfehlen. An allen Tagen mit Temperaturen zwischen 0 und +5 °C beginnen sich Wurzelknospen zu bilden. Steigt im März die Temperatur an, kann die Pflanze ‚mit gepacktem Rucksack’ loslegen. Wir warten aber mit dem Umtopfen bis mindestens Ende Mai, damit wir nicht die noch zarten Wurzeln beschädigen.
Prinzipiell ist mit anderen Stecklingen bei der Überwinterung ähnlich zu verfahren.
Zuweilen brauchen manche Arten zum Anwachsen im Frühjahr etwas länger, weil sie erst bei höheren Temperaturen Wurzeln bilden. Dies erfordert mit Beginn der frostfreien Periode eine fortlaufende Kontrolle, weil sie auf keinen Fall austrocknen dürfen.
Bis etwa Anfang Mai wurzeln so Sonnenröschen, Lotwurz, Moltkia, Geranien, Lavendel, Phlox, Nelken und viele andere.
Mit Folie oder Haube versehene Topfstecklinge könnte man im März ins Haus holen. Aber Vorsicht, denn Wärme erfordert auch mehr Licht. Ist die Lichteinwirkung zu gering oder zu kurz, fangen die Stecklinge schnell an zu faulen. Sicherer ist es, sich in Geduld zu fassen und die Stecklinge draußen zu lassen.

Seidelbast (Daphne arbuscula)
Foto © 2010 Dr. Hugo Herkner
 
  
Sommerstecklinge
Ein günstiger Zeitpunkt für Sommerstecklinge im Freien oder im halbschattigen Kasten ist ab Mitte Juli. Diese Zeitangabe ist mehr für holziges Stecklingsmaterial geeignet, das vor allem ohne Frostschutzmittel überwintert. Seidelbast, Zwergweiden und Astern sind neben den bereits erwähnten Familien hier noch zu nennen. Ihre Pflege ist während der warmen Jahreszeit zwangsläufig aufwendiger. Sie setzt sich aus Lüften, Schattieren, Gießen oder Sprühen sowie Entfernen der Abdeckung bei leichtem Regen zusammen.
Bei dieser Art von Stecklingen sollte der Stängel nach Möglichkeit nicht zu weich sein und ca. sechs Laubblätter aufweisen. Man schneidet ihn unterhalb eines Stängelknotens von der Mutterpflanze ab und reißt die zwei untersten Blätter weg. Die dadurch entstandene, größere Wunde kann zu besserer Wurzelbildung verhelfen, aber auch zu leichterem Faulen führen.
Humus- und düngerfreies Substrat sind Grundvoraussetzungen für alpine Pflanzen. Man kann überlebenswichtige Hinweise nicht oft genug betonen. Wurzelhormone können hilfreich sein. Ein halbschattiger Standort im Frühbeet, kalten Kasten, Kalthaus, vor allem aber für den folienumhüllten Blumentopf, muss ohne Unterbrechung gewährleistet sein. Eine Überhitzung macht unsere Arbeit schnell zunichte.

Weide (Salix boydii)
Foto © 2010 Dr. Hugo Herkner
 
  
Ein Geheimtipp aus Großvaterszeit funktioniert immer noch bestens: Im Rasen wird ein Viereck sauber ausgestochen und die Grasnarbe entfernt. Die Erde darunter ist weitgehend unkrautfrei und bereits biologisch aufbereitet. Sie wird etwas aufgelockert und das Loch mit einem Holzrahmen ausgekleidet. Nun werden die Stecklinge mittels Steckholz in die Rasenerde eingesenkt, angegossen und mit einer Glasscheibe abgedeckt, die dem Holzrahmen aufliegt. Man hat so ein erfolgversprechendes Stecklingsklima im Kleinen, das jedoch auch den erforderlichen Pflegemaßnahmen wie Lüftung, Schattierung und Bewässerung unterliegt. Nur Ausdauer und Erfahrung führen bei Stecklingskultur letzten Endes zum Erfolg.

Staudengärtnermeister Eugen Schleipfer
Sedlweg 71
86356 Neusäß bei Augsburg

 
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