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Die Region des Perito Moreno liegt in einer Höhe von bis zu 2.000 m; in niedrigen Lagen wird das Gebiet landwirtschaftlich genutzt. Foto © 2010 Gerd Stopp |
Im Februar 2005 unternahmen wir eine Reise mit dem DAV Summit-Club nach Argentinien und Chile, bei der wir eine Vielzahl unterschiedlichster Regionen und Pflanzengesellschaften kennenlernten. Eine Bergtour, die mich besonders beeindruckt hat, möchte ich hier beschreiben.
Nördlich des bekannten Fitz Roy Massivs liegt der Nationalpark Perito Moreno. Die in diesem Gebiet traditionelle Schafzucht wirft heute durch die sinkenden Preise kaum noch Gewinne ab, so dass viele Besitzer der riesigen Farmen versuchen, auf Tourismus umzustellen. Es gibt daher zahlreiche Unterkünfte mit familiärer Atmosphäre und ausgezeichneter Bewirtschaftung.
Wir wohnten in der Estancia Melenik am Rande des Nationalparks, in der wir uns ausgesprochen wohl fühlten. Melenik liegt auf etwa 800 m Höhe, die spärliche Vegetation besteht aus strauchigen Compositen, die vom Vieh nicht gefressen werden, und etwas Gras dazwischen. Es gibt aber auch schöne Polsterpflanzen, z.B. verschiedene „trittfeste“ Azorellas oder die schöne gelbblühende Brachyclados caespitosus. Der Winter ist in dieser Gegend sehr kalt, es liegt meterhoch Schnee und die Temperaturen sinken bis auf –20 °C.
Das Ziel unserer Tour war der „Hausberg“ von Melenik, ein eher unscheinbarer, tafeliger Berg von 2000 m Höhe. Mein Interesse galt den großen Schneefeldern auf etwa 1800 m am Südhang des Berges (auf der Südhalbkugel steht die Sonne mittags im Norden). Hier sollten doch am Rande des Schnees noch blühende Pflanzen zu finden sein!
Kurz vor Sonnenaufgang brachen wir nach einer kühlen Nacht bei etwa 5 °C auf. Zuerst mussten wir eine größere Strecke Weideland überwinden, was aufgrund der stacheligen Sträucher und der zahlreichen Weidezäune wahrlich kein Vergnügen darstellte. Am Rande eines Gebirgsbaches erreichten wir dann die ersten Ausläufer des Berges. Das Gelände ist hier vielfältig, es gibt steinige Felsrücken aus vulkanischem Gestein und dazwischen flache Täler mit kleinen Seen, saftigen Wiesen und den unvermeidlichen argentinischen Rindern. |
 |  | Calceolaria darwinii Foto © 2010 Gerd Stopp | |
| | | Schon auf etwa 1000 m Höhe sahen wir die ersten Calceolarien, Calceolaria biflora und C. darwinii. Beide waren leider schon verblüht, trugen aber Saat. Ich war erstaunt, wie trocken diese Pflanzen hier wachsen. Die Blätter waren halb verdorrt und der Boden war lehmig und steinhart. In unseren Gärten wird Calceolaria darwinii mit humosem Boden und zuviel Wasser oft „totgepflegt“. |
 |  | Xerodraba spec. Foto © 2010 Gerd Stopp | |
| | | Bei etwa 1300 m erwarteten uns ständig neue Überraschungen. Wir fanden wunderschöne Polster von Xerodraba, etwa 30 cm breit und sehr an Draba bryoides erinnernd, dabei aber steinhart und mit offensichtlich winzigen Blüten. An Hängen und mitten in der kurzrasigen Wiese wuchsen riesige Polster blühender Calceolaria darwinii mit ziemlich variabler Farbe. Ein unvergesslicher Anblick.
Die steinigen Felsrücken weisen eine ganz andere Vegetation auf. Es gibt viele Polster von Oreopolus glacialis mit bräunlichen Rosetten und reingelben Blüten in Form einer Asperula-Blüte, die in Büscheln auf den Rosetten sitzen. Für mich eine der schönsten Alpenpflanzen, die wir in höheren Lagen noch in der Vollblüte erleben konnten. Daneben stehen silbrige, flache und ganz harte Polster, die mich an Celmisia sessiliflora erinnerten. Die Blüte ist aber gelb, groß und sitzend. Könnte es sich um eine der vielen südamerikanischen Senecio-Arten handeln?
In Gebieten mit feinem vulkanischen Sand stehen Oxalis laciniata und – vermutlich – Oxalis enneaphylla. Die Blätter dieser Pflanzen sind im Vergleich zu unseren Kulturpflanzen winzig, braunrot und bereift. Leider standen keine der Pflanzen mehr in Blüte. Sie sollen sehr variabel in der Farbe sein. |
 |  | Leucheria purpurea Foto © 2010 Gerd Stopp | |
| | | Vereinzelt gibt es eine weißfilzige, kompakte Pflanze mit einer kurzgestielten, weinrot lackglänzenden, gefüllten Blüte, die ich später als Leucheria purpurea identifizieren konnte. Auf einer Schau in England bekäme diese Pflanze bestimmt einen Preis!
Wir fanden auch mehrere Arten von Nassauvia. Einige Arten sind klein und bräunlich belaubt mit zartrosa Blüten, eine größere steht sogar mitten in feuchtem Schutt an kleinen Bächen.
In einer kleinen Senke auf 1500 m sah ich ein graugrünes, stark zerteiltes Blatt und gleich bei einer weiteren Pflanze einen großen Samenstand wie bei einer Adonis vernalis. Es gab keinen Zweifel, dass dies Ranunculus semiverticillatus sein musste. Er gilt neben manchen neuseeländischen Arten als einer der schönsten. Die Blüte kenne ich leider nur von Bildern. Im Vergleich zur Pflanze ist sie riesig, halb gefüllt wie manche Paeonien und rosa oder weiß. Weiter oben gab es die Pflanze dann in größeren Mengen, meist in ruhendem Hangschutt, aber leider nicht blühend.
Als wir nach einem langen und anstrengenden Marsch bei kräftig strahlender Sonne fast die Schneefelder erreichten, trafen wir auf große Felspartien, an denen es jedoch keine ausgesprochenen Felsspaltenpflanzen wie in den Alpen gibt. Hier wachsen die gleichen Pflanzen wie im Schutt. In dieser Region sind alle Steine vulkanisch, porös und mit einer etwa 5 cm großen, schwarzen Flechte bewachsen. An den Schneefeldern wurden wir ein bisschen enttäuscht, da es kaum noch Pflanzen gab. Die Vegetationsgrenze liegt schon bei etwa 1800 m! Welch ein Unterschied zu den Europäischen Gebirgen oder dem Himalaya! Wie hat muss hier der Winter sein? Die letzte Pflanze, die wir fanden, war eine weißfilzige, zwergstrauchige Senecio mit schönen gelben Blüten. Hier wuchs auch eine kleine, blaugrüne Rosettenpflanze im Aussehen einer rosettig wachsenden Viola, aber mit endständigem Blütenstand mit kleinen weißen Blüten. |
 |  | Eine unbekannte Rosettenpflanze Foto © 2010 Gerd Stopp | |
| | | Die Steilhänge sind häufig völlig ohne Vegetation. Sie bestehen aus feiner vulkanischer Asche, in die man knöcheltief einsinkt. Bei Regen oder Tauwetter muss hier alles in Bewegung sein und jede Pflanze verschütten.
Beim Abstieg wählten wir einen anderen Weg und gelangten bald wieder in pflanzenreiche Zonen. An einem Bach wuchsen meterbreite, dunkelgrüne Poster von Azorella trifurcata und andere, die ich nicht bestimmen konnte. An trockenen Plätzen fanden wir eine weitere Leucheria mit gefüllten rosa oder weißen Blüten. Das Laub dieser Art ist weißfilzig und nur wenige Zentimeter lang. Es könnte sich um Leucheria hahnii handeln. Außerdem sahen wir meterbreite Polster einer flachwachsenden, gelbblühenden Leguminose und einer weiteren überreich blühenden hellblauen Art. Leider kenne ich von beiden nicht einmal die Gattung.
Besonders schön und kulturwürdig erschien mir auch ein hartes, silbriges Polster aus kleinen Rosetten. Die Pflanze erinnert an eine Androsace villosa. Leider war sie nicht in Blüte, trug aber an jeder Rosette einen Kranz kleiner Samenkapseln. Wir fanden auch eine blaugrün belaubte Zwiebelpflanze mit jeweils zwei großen Samenkapseln am 10 cm langen Blütenschaft, wobei es sich vielleicht um eine Rhodophiala montana gehandelt haben könnte.
Zwischen Felsbrocken wuchs die winzige Oxalis erythrorhiza, die eher an eine Dionysia erinnert. In Kultur wird diese Pflanze leider lang und unansehnlich.
In einer moorigen Senke entdeckten wir große Flächen mit Caltha appendiculata. Diese bildet feste Matten frischgrüner Blätter, über die ein Mensch laufen kann, ohne die geringsten Spuren zu hinterlassen. Einige Stellen werden durch Rinder verwüstet, die zwar die Caltha nicht fressen, mit ihren Hufen jedoch viel Schaden anrichten. An feuchten Stellen fanden wir auch vereinzelt Exemplare von Primula magellanica.
Die Schotterhänge sind wieder bedeckt mit Oreopolus glacialis, dazwischen wächst Ranunculus semiverticillatus, Oxalis und Azorella. Flache Rasen tragen Hunderte von Calceolaria-darwinii-Blüten.
Ich hätte am liebsten noch stundenlang fotografiert oder einfach nur die Blütenpracht genossen, aber die Zeit verging wie im Fluge und es war Zeit für den Rückweg. |
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