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Paeonia lutea Foto © 2008 Thomas Seiler |
Am 3. Mai 2008 traf sich die Fachgruppe Päonien im Wasserschloss von Bad Rappenau zu einer Päonien-Gala. Das Renaissance-Schloss mit großem See sowie Schlossgarten mit altem Baumbestand war eine traumhafte Kulisse, wie sie eindrucksvoller wohl kaum zu finden ist. Bei strahlend schönem Wetter fühlte man sich fast in das Tal der Loire versetzt. Aber es war die Landesgartenschau Baden-Württemberg, die hier stattfand und ermöglichte, dass uns Vortragssaal und Gewölberaum im Erdgeschoss vom Land Baden-Württemberg, das während der Gartenschau Hausherr im Schloss ist, zur Verfügung gestellt wurden.
Im Gewölberaum hatten viele fleißige Hände eine Päonien-Ausstellung gezaubert. Adalbert Debelt hatte eigens dafür Vasen aus Edelstahl entwickelt und hergestellt, die ästhetisch ansprechend und durch ihr Gewicht auch praktisch für die Präsentation der Päonien waren. Er hatte auch noch aufwändige Gestecke aus anderen Frühlingsblumen arrangiert, die vor allem von Helmut Wickenhäuser gespendet worden waren, so dass der Raum einen prächtigen Anblick bot. Wir hatten wegen des frühen Termins gebangt, ob wir überhaupt Schnittstiele von Päonien haben würden. Dann gab es aber doch viele Spenden, und zuletzt brachte ganz überraschend Wolfgang Gießler aus seiner Gärtnerei in Sachsen-Anhalt einen ganzen Kofferraum voller Blüten von Gansu Mudan und anderen Strauchpäonien. Die Gärtnereien „Bäuerlein's Grüne Stube“ aus Bad Abbach und „Syringa“ aus Hilzingen-Binningen hatten sehr schöne getopfte Päonien zum Verkauf ausgestellt.
Durch das Renaissance-Portal des Schlosses betrat man den Treppenturm, und über die breite Wendeltreppe gelangte man in den Vortragssaal im obersten Stock. Vier Referenten aus vier Ländern waren zu dieser Gala gekommen. Das war ein einmaliger Glücksfall, der sich in dieser Form sicher nicht wiederholen lassen wird.
Als erster betrat Horst Bäuerlein aus Bad Abbach bei Regensburg das Redner-Podium. Er sprach über Wildpäonien und führte uns in dieses Thema ein. Zunächst gab er einen Überblick über die Sektionen und stellte dann eine große Zahl von Arten in Bildern vor, die fast alle von den Pflanzen in seiner Gärtnerei stammten. Auch zeigte er faszinierende Fotos, welche die Entwicklung von der Keimung bis zur Samenreife bei Päonien darstellten. Das alles war aus dem Blickwinkel des Gärtners und Praktikers, und somit für die Zuhörer, die ja alle selbst Päonien im Garten haben, besonders interessant. Die Fülle der vorgestellten Naturarten gab neue Inspiration für die eigene Gartengestaltung.
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Paeonia officinalis Foto © 2008 Thomas Seiler |
Der nächste Referent kam aus Frankreich, Eric Schmitt von der Universität Lille. Er ist der wohl beste Kenner der Päonien Korsikas. Seit 2002 hat er jeden Urlaub auf Korsika verbracht, die Wildpäonien dort studiert und in einer wissenschaftlichen Arbeit einer Revision unterzogen. Sie wurde bislang noch nicht publiziert, und die Teilnehmer der Gala gehörten somit zu den ersten, die davon Kenntnis erhielten. Der Titel seines Vortrags lautete: “Taxonomic revision of the genus Paeonia in Corsica: High diversity of a small genus in insular conditions”. Über Jahre hinweg hatte er die Päonien-Populationen Korsikas ausfindig gemacht, die Merkmale möglichst vieler, und eben nicht nur einiger weniger mehr oder weniger zufällig ausgewählter Pflanzen notiert und statistisch ausgewertet. Er kam zu dem Schluss, dass es drei signifikant verschiedene Gruppen von Päonien auf Korsika gibt, die drei Arten zugeordnet werden können:
1. Paeonia morisii, eine von einer italienischen Gruppe von Botanikern der Universität Palermo 2001 neu benannte Art, die auch auf Sardinien vorkommt. Sie galt früher als Paeonia mascula subspec. russoi, unterscheidet sich jedoch von der Pflanze mit diesem Namen, die auf Sizilien vorkommt und die die Typus-Art darstellt. Paeonia morisii ist die häufigste Päonie Korsikas. Sie ist eine typisch mediterrane Päonie mit glänzender, das Licht reflektierender Blattoberseite. Sie kommt an trockenen Stellen am Rand der Macchia vor. Entstanden ist sie sicher aus der gleichen Vorgänger-Art, aus der auch Paeonia cambessedesii, die Päonie der Balearen, hervorging. Nach der Entstehung des Mittelmeers haben sich diese beiden Arten in der Isolierung getrennt voneinander entwickelt.
2. Paeonia mascula. Sie kommt nur an drei Fundorten vor und wurde erstmals überhaupt auf Korsika nachgewiesen. Die Pflanzen auf Korsika unterscheiden sich nicht von denen in Burgund, die den Typus repräsentieren, denn eine Pflanze aus Burgund lag auch Linné vor. Paeonia mascula kommt in einem großen Gebiet bis zum Kaukasus vor. Korsika ist als Relikt-Standort zu betrachten.
3. Paeonia corsica. Diese Pflanzen im Süden der Insel waren immer so etwas wie ein Rätsel. Schon 1828 hatte Sieber ihr diesen Namen nach der kurzen Beschreibung von Tausch gegeben. Später wurde er von anderen Botanikern verworfen, die Pflanzen mal als Varietät von Paeonia mascula, mal als solche von Paeonia corallina bezeichnet. Bei Stern heißt sie Paeonia russi var. leiocarpa. Eric Schmitt konnte zeigen, dass der ursprüngliche Name zu Recht besteht. Die Pflanzen sind tetraploid, Paeonia morisii beispielsweise ist dagegen diploid. Paeonia corsica ist ein Endemit, kommt also nur auf Korsika vor. Auch dort ist sie auf den Süden der Insel beschränkt und sicher erst in der insularen Isolierung durch Bildung des Mittelmeeres entstanden.
Auf keiner anderen Insel im Mittelmeer gibt es drei Päonienarten, es kommen sonst immer nur ein oder zwei vor. Korsika weist also von allen mediterranen Inseln die größte Päonien-Vielfalt auf.
Nach diesem, manchmal nicht ganz einfach zu verstehenden Vortrag von Eric Schmitt, gab es eine Mittagspause. Auf dem Marktplatz mit schönem Blick auf die Kirche konnte man sich an diesem Wochenende an verschiedenen Ständen mit leckeren Speisen versorgen und an den aufgestellten Tischen verzehren. Bei dem herrlichen Wetter war das ein reines Vergnügen.
Um 14 Uhr ging es dann weiter: Dr. Will McLewin von der Phedar Experimental and Research Nursery in Stockport bei Manchester sprach über „Peony rockii, Rock's Peony and Gansu Mudan“. Matthias Thomson, der seit Jahren eng mit Dr. McLewin auf dem Gebiet der Erforschung der Helleborus-Naturarten zusammenarbeitet, hatte sich dankenswerter Weise bereit erklärt, den Vortrag ins Deutsche zu übersetzen. Dr. McLewin sprach jedoch so deutlich und brillant, dass dies nur gelegentlich nötig war. Über das Thema hat er unlängst auch ein Buch veröffentlicht. Seine Hauptthese ist, dass es sich bei fast allen Pflanzen, die wir in unseren Gärten als Paeonia rockii kultivieren, um Kulturformen handelt, die nicht den Artnamen verdienen. Er schlägt für diese Gruppe von Kulturformen, an deren Entstehung Paeonia rockii beteiligt war, den Begriff Gansu Mudan vor. Gansu bezieht sich auf die chinesische Provinz, in der sie vorwiegend gezüchtet wurden, Mudan ist das chinesische Wort für Strauchpäonien. Die Bezeichnung Paeonia rockii-Hybriden lehnt er ebenfalls ab, denn zu einer Hybride braucht es immer mindestens zwei Arten. Sie nach nur einer davon zu benennen, ist für ihn unlogisch. Auch bei den legendären Pflanzen, die aus den Samen gezogen wurden, die Joseph Rock aus China erhalten hatte – er selbst hatte nur blühende Pflanzen gesehen, war nicht zur Samenreife dort gewesen, hatte diese Samen also auch nicht selbst sammeln können – handelt es sich eben nicht um Paeonia rockii, sondern um Gansu Mudan. Will McLewin verriet dann auch, woran man die Naturart von Paeonia rockii erkennen kann: Die Scheiden, die die Karpelle umhüllen, sind, ebenso wie die Filamente der Staubblätter, weißlich gefärbt. Bei den Hybriden sind sie rötlich. Anschließend würdigte Will McLewin das Lebenswerk von Chen Dezhong, der als Leiter der chinesischen Peace Nursery Gansu Mudan in einer unendlichen Fülle und Vielfalt gezüchtet hat. Sein Zuchtziel war ursprünglich nur gewesen, robuste Pflanzen zur Begrünung kahler Hügel zu erhalten, auf denen sonst kaum etwas wachsen wollte. Gansu Mudan sind auch für die klimatischen Bedingungen in Mitteleuropa sehr gut geeignet, besser, als beispielsweise so manche japanische Strauchpäonie.
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Paeonia ostii 'Feng Dan Bai' Foto © 2008 Thomas Seiler |
Den Abschluss bildete der Vortrag „Auf den Spuren der Strauchpäonien durch das Reich der Mitte“ von Dr. Gian Lupo Osti, der dafür eigens aus Rom gekommen war. Er ist der derzeitige Präsident der International Dendrological Society und so etwas wie eine lebende Legende der Päonien-Szene. Bei seinem hohen Alter ist es hoffentlich keine Indiskretion, sein Geburtsjahr zu verraten: 1920. Das merkte man ihm jedenfalls überhaupt nicht an. Körperlich und geistig frisch hielt er seinen Vortrag sogar auf Deutsch, denn er ist so etwas wie ein Weltbürger und hatte auch vor dem Krieg eine Zeit lang in Heidelberg studiert. Pflanzen und besonders Päonien sind seine Passion, nicht sein Beruf. Er verkörpert den Typus des gelehrten Amateurs und hat auch zwei Bücher über Päonien verfasst. Auf seine unnachahmlich charmante Art erzählte er uns, wie er als junger Mann, im Krieg auf Kreta stationiert, in die Berge kletterte, und dabei erstmals die weiße Paeonia clusii sah, ohne dabei zu wissen, um was für eine Pflanze es sich handelte, und was für eine Bedeutung sie später einmal in seinem Leben haben sollte. Durch seine bedeutende Stellung im italienischen Wirtschaftsleben gelangte er früh nach China, als sich dieses zaghaft gegenüber dem Westen zu öffnen begann. Er versuchte, Erlaubnis zu erhalten, die wilden Päonien Chinas am Naturstandort aufzusuchen. Doch fast zwei Jahrzehnte lang wurde es ihm verwehrt. „Aber was wollen sie denn dort“, sagte man ihm immer wieder. „Wir haben doch viel schönere Pfingstrosen in den Parks und Gärten, und sie können sie dort ganz bequem anschauen.“ Erst 1990 erhielt er dann die Erlaubnis, mit dem chinesischen Botaniker Hong Tao zu den entsprechenden Plätzen zu reisen. Im Grunde war er es, der bei den chinesischen Botanikern das Interesse an den Päonien weckte, und er wurde dafür 1992 hoch geehrt, als Hong Tao und J. X. Zhang eine neue Strauchpäonien-Art nach ihm benannten: Paeonia ostii. Es gibt wohl kaum eine Pflanzenart mit so großen Blüten, die den Namen eines noch lebenden Menschen trägt. So auffällige und spektakuläre Pflanzen wurden fast alle schon im 18. und 19. Jahrhundert benannt. 1994 kam es zu einer zweiten Reise mit Hong Tao durch China. Der Fotograf Josh Westrich war damals mit von der Partie und hat sie in wunderbaren Bildern dokumentiert. Diese erschienen in Büchern und Artikeln, und viele davon konnten wir beim Vortrag von Dr. Osti wiedersehen. |

Gansu Mudan, Sämling von Irmtraud Rieck Foto © 2008 Thomas Seiler |
Danach war es schon später als 16 Uhr geworden. Wir gingen hinunter in den Schlosspark, um nun endlich auch Päonien in natura zu sehen. Irmtraud Rieck hatte sich schon vor 13 Jahren dafür eingesetzt, dass dort im Hinblick auf die Gartenschau Strauchpfingstrosen gepflanzt wurden. Später hat sie im Auftrag der Gartenschau auch einen Pflanzplan erstellt, Päonien in China und bei verschiedenen deutschen Gärtnereien bestellt und auch selbst viele gespendet. Die Strauchpäonien waren zwar gerade erst am Aufblühen, aber es war dennoch ein Erlebnis, unter der kundigen Führung von Irmtraud Rieck und bei schönstem Wetter die fast 100 verschiedenen Kultursorten und Arten von Päonien anzuschauen. Ob wohl je auf einer Landes- oder Bundesgartenschau so eine Vielfalt an Päonien zu sehen war? Ich glaube kaum. |

Paeonia rockii subsp. linyanshanii im Luisenpark Mannheim, 4. 5. 2008 Foto © 2008 Thomas Seiler |
War der Anblick der gerade erst aufgehenden Päonien in Bad Rappenau vielleicht nicht ganz befriedigend gewesen, so wurden wir dafür am nächsten Tag im Mannheimer Luisenpark durch voll in Blüte stehende Strauchpäonien gänzlich entschädigt. Herr Glaser, der Technische Leiter des Parks, erwartete uns bereits am Eingang und führte uns persönlich. Für viele war dies die erste Begegnung mit dem Luisenpark, und alle waren positiv überrascht. So schön und vielfältig hatte man ihn sich nicht vorgestellt. Die Pflanzungen sind eine Pracht, und mit all den Tieren hatte man gar nicht gerechnet. Dazu noch das größte chinesische Teehaus in Europa, stilecht von Chinesen entworfen und gebaut – und dann üppigste, seit Jahren etablierte Strauchpäonien im schönsten Moment ihrer kurzen Blütezeit. Einen besseren Abschluss für unser Treffen hätten wir uns nicht wünschen können.
Thomas Seiler |

Luisenpark Mannheim, 4. 5. 2008 Foto © 2008 Thomas Seiler |
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