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Hosta aus Samen von Annette Günnemann
 


Wer sollte schon auf die Idee kommen Hosta auszusäen – existieren doch bereits mehrere tausend Sorten, da sind echte Neuheiten kaum zu erwarten.

Vermutlich muss man ziemlich abgedreht ein um es zu versuchen, wahrscheinlich ist man auch noch Mitglied in der GdS…

Andererseits: Aussaaten von Hosta sind unglaublich simpel, man gebe Samen auf Erde, sorge für 20° Celsius (Küchenfenster) und nach ein bis zwei Wochen beginnen die Samen zu sprießen, alles weitere geht seinen geregelten, unproblematischen Gang. Zudem handelt es sich um eine nette Winterbeschäftigung, wenn man für Kunstlicht sorgt.

Wer jedoch wild panaschierte Formen erwartet, wird enttäuscht sein; der Nachwuchs, auch bunter Eltern, ist in der Regel einfarbig grün. Ich persönlich empfand das als etwas frustrierend, zumal ich die Zusammenhänge damals noch nicht kannte. Da kreuzt man seine bunten Hosta wild durcheinander (O-Ton meiner Teenager-Kinder: „Na, Muttern hattest du heute schon Garten-Sex?“) und das Ergebnis fällt langweilig grün aus, bis auf einige blaue und gelbe.

Natürlich behält man letztere: um ziemlich bald festzustellen, dass sie keinerlei Besonderheit oder Verbesserung in irgendeiner Hinsicht darstellen. Man landet also beim Hosta-Aussaat-Gedächnis-Beet und nach einigen Jahren kompostiert man sie doch.

Trotzdem nagten die bunten Hosta an mir, jedes Jahr bringt neue Sorten, von denen man wieder die Finger nicht lassen kann, nur selbst ist man zu blöd um auch nur einen einzigen panaschierten Sämling zustande zu bringen.

Irgendwann ist wieder Winter und man treibt sich auf amerikanischen Hostaseiten herum, denn im deutschsprachigen Internet findet man kaum Aufklärung für dieses Phänomen. Im Gegenteil, eine ansonsten wunderschöne Hosta-Seite verkündet:

„Wichtig zu wissen ist, dass Sämlinge meist im ersten Jahr noch keine Panaschierung aufweisen. Behalten Sie die Pflanzen bis zum zweiten Jahr. Erst dann zeigen sich oft sehr interessante Merkmale.“

Da hat man aber schon die amerikanischen Bilder von keimenden Nachkommen der „streaked breeders“ gesehen, Panaschierung ab dem ersten Blatt. „Streaked Breeders“, wörtlich übersetzt „gestreife Züchter“ sind genetisch instabile Hosta, bei denen jedes Blatt anders aussehen kann. Und einfach keine Geduld mehr ein Jahr zu warten, wenn man es doch sofort haben kann. Es handelt sich nicht um besonders schöne Pflanzen, sie sehen ziemlich wirr und unaufgeräumt aus – wie Küchen im Mai und Gewächshäuser im Oktober. Auch haben sie die Angewohnheit sich stabilisieren zu wollen, oft erscheinen grüne Seitentriebe, die wiederum die panaschierten verdrängen können. Man muss also ein Auge auf sie haben und im Zweifelsfall jährlich teilen, um die bunten Blattschöpfe zu erhalten.

Aber wenn sie als Mutterpflanzen verwendet werden, bringen sie die begehrten „gestreiften“ Sämlinge. Diese sind oft auch instabil, doch auch manche, die ihre bunten Blätter genetisch festigen können und dann vermehrt und verkauft werden könnten. Als Vaterpflanze vererben die „streaked breeders“ diese Eigenschaften nicht, Pollen von ihnen erzeugen auf Normalo-Hosta ebenfalls nur einfarbige Nachkommen..

Diese Züchterpflanzen kosteten noch vor einigen Jahren ein Vermögen, wenn man sie überhaupt ergattern konnte. Doch inzwischen erschien sozusagen die Quadratur des Kreises unter den Hosta: Pflanzen, die genetisch instabil sind, d.h. jedes Blatt sieht anders aus, aber optisch wirken sie stabil und sind als Sorte wieder erkennbar. Meine erste war „Revolution“, deren weiße Blattmitte mit unregelmäßige grüne Punkte zieren. Als weitere, relativ problemlos erhältliche Hosta dieser Gruppe wären zu nennen: „Koran Snow“, „Lakeside Elfin Fire“ und „Spilt Milk“.


Die andere Variante an bunte Hosta zu kommen sind „sports“ plötzlich auftretende Mutationen an einer erwachsenen Hosta, also ein Blattschopf entwickelt sich plötzlich anders oder weist eine Panaschierung auf.

Fritz Köhlein beschreibt ins einer 1993 erschienen Monographie „Hosta“, die Wahrscheinlichkeit zu einem bunten Sämling zu kommen sei 1:60.000. Zitat „Da ist es wesentlich einfacher, die eigenen Hosta-Bestände gut zu beobachten, die Chancen für eine spontane Sportbildung stehen viel besser.“

Meine Hosta taten das nie und ich habe einige davon und beobachte sie akribisch: sie sind und bleiben unsportlich.

So gut wie alle kommerziell vermarkteten Hosta werden heute in Gewebekultur im Labor vermehrt. Wenn man denselben Zellhaufen tausendfach teilt ist schon mathematisch die Chance, dass hierbei ein Sport entsteht wesentlich größer als bei Normalkultur im Garten mit ihrer wesentlich geringeren Reproduktionsrate.

Wenn man sich also die Ahnenreihe von „Risky Business“, einem Sport von „Revolution“ ansieht: „Revolution“ ist ein Sport von „Loyalist“, die hin wiederum einer von „Patriot“.

Nachdem ich das alles wusste, habe ich zuerst „Revolution“ ausgesät, wobei sich ein zusätzliches Problem ergab: weiße Sämlinge. Viele im Blattzentrum weiße Hosta bilden ebenfalls weiße Blütenstängel und subsequent weiße Samenkapseln aus. Man errät es kaum, aber die Samen (sie keimen durchaus) sind ebenfalls: weiß. Das bedeutet kein Chorophyll, keine Fotosynthese und folgerichtiges Welken und Absterben des Keimblatts, wenn sie Nährstoffreserven des Samenkorns erschöpft sind. Manche dieser Pflänzchen leben etwas länger und weiße Hosta gibt es sogar käuflich zu erwerben („White Feather“, „Outhouse Delight“ oder eine die auf den schönen Namen „White Trouble“ hört), diese entwickeln mit fortschreitender Vegetationsperiode etwas Blattgrün und können so Nährstoffe aufnehmen und wachsen. Doch sind und bleiben sie Hätschelkinder: wüchsig kann man diese Formen beim besten Willen nicht nennen.

Einer meiner „Revolution“ Sämlinge startete allerdings mit einem einseitigen grünen Rand an einem sonst weißen Blatt. Eine Pflanze auf die die Welt sicher nicht gewartet hat, dafür ich um so mehr. Amerikanischen Quellen zufolge (ich habe es nicht ausprobiert) zeigen die Blütenstiele und Samenkapseln von Hosta mit weißem Blattzentrum gelegentlich grüne Streifen, aus diesen entstehen dann nicht nur weiße Hosta, sondern auch panaschierte.

Von diesem Erfolg ungemein beflügelt brauchte ich unbedingt mehr Hosta-Samen mit derart ungeheurem Potenzial. In Amerika kann man Samen von „streaked breeders“ kaufen, und so kam ich auf die amerikanischen ebay-Seiten. Nun ist es nicht so, dass Hosta-Samen in den USA ein Massenphänomen sind, aber es gibt sie immerhin, auch solche der „streaked breeders“, der Preis ist durchaus moderat. Das liegt nicht nur am begrenzten Kundenkreis, auch der momentan schwächelnde Dollar trät seiniges dazu bei
Da konnte man 100 Samen von „streaked breeders“ direkt kaufen und mit paypal (sichere Zahlungsmethode) auch umgehend bezahlen. Der Gesamtbetrag belief sich aus US Dollar, das entsprach € 5,83. Abgesehen von diesem Schnäppchen begeisterte mich die anschließende Korrespondenz mit dem Verkäufer (Bob Clark aus Michigan) noch viel mehr. Er legte noch einige Samen dazu, damit ich auch garantiert an den von mir ersehnten panaschierten Nachwuchs käme.
Er berichtete, dass er in Deutschland eine Reihe von treuen Kunden habe – was Wunder, mir ist keine hiesige Quelle bekannt. Binnen weniger Tage waren die Samen im Briefkasten.

Wer es ausprobieren möchte: bei ebay „weltweiter Handel öffnen“ und „streaked breeders“ eingeben, oder nach dem Verkäufer suchen, hier „ipeterc“.

Sollten sie hostainfiziert sein, versuchen sie es dort. Das Internet ist zudem voll von Hosta-Bildern und –informationen, die wichtigste Seite ist www.hostalibrary.org“.
Profunde Informationen zur Aussaat von Hosta bietet auch das Diskussionsforum „hostaseedgrowers“.

Seit ein paar Jahren habe ich nun meine eigenen „streaked breeders“ und bin Selbstversorger mit den entsprechenden Samen. Nun ja, die Blätter sind oft flatterig, die Größe so mittel und man muss aufpassen, dass man die grünen Seitentrieb entfernt - das bedeutet nichts anderes als häufiges Teilen. Es sind weder die schönsten, noch die pflegeleichtesten Hosta.

Eine hat sich auch bereits stabilisiert: grün mit weißem Rand, mittelgroß und mittelmäßige Substanz. Sicherlich eine Sorte auf die die Welt nicht gewartet hat, aber ein Spaß für die Gärtnerin.

Wer Hosta und Wundertüten mag, sollte einfach mal eine Saatkiste übrig haben.

 
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